
Steigende Fallzahlen, komplexere Problemlagen: Experten aus stationären Einrichtungen der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke fordernmehr Prävention und zeigen auf, warum stabile Beziehungen entscheidend sind.
Berlin,12. Mai 2026. Familie gilt als Ort von Schutz, Geborgenheit und Zusammenhalt. Doch für viele Kinder in Deutschland ist dieses Ideal weit von ihrer Lebensrealität entfernt. Im Jahr 2024 stellten die Jugendämter 72.800 Fälle von Kindeswohlgefährdung durch Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt fest – damit stieg die Zahl binnen fünf Jahren um fast ein Drittel (+31 Prozent)1. Ein historischer Höchststand. Die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke machen anlässlich des Internationalen Tags der Familie am 15. Mai darauf aufmerksam, dass jedes Jahr tausende Kinder nicht mehr sicher in ihren Herkunftsfamilien leben können. „Wir sehen seit Jahren, dass die Anfragezahlen von Jugendämtern steigen und die Problemlagen gleichzeitig deutlich komplexer werden“, sagt Michael Tietze, Einrichtungsleiter des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs Uslar. „Seit der Corona-Zeit hat sich die Situation noch einmal massiv verschärft.“
„Familie ist längst nicht für jedes Kind ein sicherer Ort“, ergänzt Torsten Duschek, Erziehungsleiter im Kinderdorf Alt Garge. Neben Kindern, die aus familiären Situationen kommen, die von Überforderung, Vernachlässigung oder psychischer Belastung geprägt sind, beobachten die Experten in ihrer täglichen Arbeit zunehmend Fälle von F.A.S.D.2 – den Folgen von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. „Vernachlässigung allein ist meistens nicht mehr das gravierendste Störungsbild. „Viel häufiger geht es um Symptome kindlicher Substanzabhängigkeit nach der Geburt mit den entsprechenden Folgeschäden sowie um Gewalt, Misshandlung oder sexuelle Übergriffe im familiären Umfeld“, beschreibt Duschek die Situation in der Praxis. Die Einrichtungen des Albert-Schweitzer-Familienwerks Niedersachsen in Uslar und Alt Garge gehören zum Bundesverband der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke, dessen
Mitglieder deutschlandweit rund 500 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe betreiben sowie eine Vielzahl von Beratungsangeboten für Familien anbieten.
Mehr Anfragen, schwerere Fälle: „Das ist kein Randphänomen“ Die Entwicklung ist aus Sicht der Praxis eindeutig: Es kommen nicht nur immer mehr Kinder in
die Einrichtungen, ihre Lebensgeschichten sind häufig von tiefgreifenden Belastungen geprägt. Diese Einschätzung wird durch Studien gestützt. Die Untersuchung „Kinder in Deutschland“3 zeigt, dass Kinder aus psychisch belasteten Familien ein deutlich erhöhtes Risiko für Entwicklungsverzögerungen und emotionale Auffälligkeiten haben. Auch die AID:A-Studie des Deutschen Jugendinstituts4 macht deutlich, dass viele Kinder in belasteten familiären Lebenslagen aufwachsen. Unsicherheit, Stress und eingeschränkten Ressourcen bestimmen ihren Alltag und machen sie zu einer Gruppe mit erhöhtem Unterstützungsbedarf. „Das ist kein Randphänomen“, sagt Tietze. „Viele Familien stehen unter massivem Druck – und das wirkt sich unmittelbar auf die Kinder aus.“
Gesellschaftlicher Druck trifft Familien – und damit Kinder
Aus Sicht der Fachkräfte liegen die Ursachen für diese Entwicklung nicht allein im familiären Umfeld. „Wir beobachten einen zunehmenden gesellschaftlichen Druck – finanziell, sozial, aber auch durch die an Familien gestellten Erwartungen“, erklärt Tietze. „Wenn dieser Druck zu groß wird, verlieren Eltern manchmal den Blick für die Bedürfnisse ihrer Kinder.“ Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle. „Es fehlt bezahlbarer Wohnraum, beide Elternteile müssen
berufstätig sein, um die Aufwendungen des täglichen Lebens stemmen zu können, viele Familien leben in beengten Verhältnissen. Das führt zu Stresssituationen, die sich direkt auf das Zusammenleben auswirken“, folgert Tietze.
Eine Einschätzung, die auch im 17. Kinder- und Jugendbericht des BMFSFJ5 angeführt wird. Laut der Studie sind familiäre Belastungen strukturell in breitere gesellschaftliche Entwicklungen eingebettet: Junge Menschen wachsen „in einer Zeit tiefgreifender, teils krisenhafter Entwicklungen“ auf. Gleichzeitig stellen die Autoren fest, dass Ressourcen und förderliche Bedingungen des Aufwachsens ungleich verteilt sind. Hinzu komme eine veränderte Wahrnehmung von Erziehung, ergänzt Tietze. „Wir beobachten, dass Eltern sich teilweise eher als Freunde ihrer Kinder verstehen und der eigentliche Erziehungsauftrag in den
Hintergrund tritt. Das führt dazu, dass wichtige Orientierung fehlt“. Auch das Bildungssystem verstärke die Situation. „Der Druck in der Schule nimmt zu. Kinder erkranken daran, Eltern sind überfordert – und das System bietet oft keine ausreichende Unterstützung.“ Hilfe kommt oft erst, wenn es zu spät ist: „Wir sind keine Reparaturwerkstatt“
Ein zentraler Kritikpunkt der Praxis: Unterstützung setzt häufig erst dann ein, wenn Situationen bereits eskaliert sind. „Wir greifen in vielen Fällen erst ein, wenn die Hütte schon brennt“, sagt Tietze. „Dabei wäre es entscheidend, viel früher anzusetzen.“ Ambulante Hilfen, Beratungsangebote und präventive Maßnahmen könnten viele Eskalationen verhindern – doch genau hier gebe es Defizite. „Wir sind keine Reparaturwerkstatt“, sagt Tietze, aber „viele Angebote sind unterfinanziert oder werden zu spät bewilligt.“ Das führe dazu, dass Probleme sich verfestigen und Kinder am Ende aus ihren Familien herausgenommen werden müssen. Für Tietze ist klar: „Wenn wir ernsthaft etwas verändern wollen, müssen wir Prävention stärken
und Familien früher unterstützen.“
Wenn Jugendämter eingreifen und Heranwachsende in Obhut nehmen, bedeutet das für die
betroffenen Kinder oft einen tiefen Einschnitt – sie müssen ihr gewohntes Umfeld verlassen
und sich in einer neuen Lebenssituation zurechtfinden. „Für viele Kinder ist das zunächst ein Bruch mit allem, was sie kennen“, sagt Duschek. „Gleichzeitig ist es aber auch eine Chance, endlich in einem Umfeld anzukommen, das ihnen Halt und Orientierung gibt.“
Was Kinder erleben, bevor sie ins Kinderdorf kommen
„Einige Kinder erleben von Geburt an keine stabile Bindung, keine Sicherheit, keine Orientierung“, beschreibt Duschek. „Sie müssen sich früh um ihr eigenes Überleben kümmern, statt sich gesund entwickeln zu können.“ Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren. „Viele Kinder kommen mit massiven emotionalen Belastungen zu uns. Sie haben gelernt, dass Beziehungen nicht verlässlich sind“, so Duschek weiter.
Warum Beziehung der entscheidende Faktor ist
Die zentrale Antwort der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke auf diese Herausforderungen ist das Hauseltern-Prinzip. „Das eigentliche Heilen findet im familiären Kontext statt“, sagt Duschek und ergänzt: „Bindung ist der ausschlaggebende Punkt.“ Kinder leben in Kinderdorffamilien mit festen Hauseltern, die sie über viele Jahre begleiten. Diese Form der Begleitung unterscheidet sich grundlegend von klassischen stationären Schichtsystemen in der Kinder- und Jugendhilfe. In vielen stationären Einrichtungen erleben Kinder wechselnde Bezugspersonen. „Die Kinder wissen nicht, wer sie morgen weckt. Bei uns wissen sie: Diese Menschen bleiben. Diese Verlässlichkeit ist entscheidend“, sagt Duschek, denn diese Kontinuität ermögliche Entwicklung. „Wenn Kinder stabile Beziehungen erleben, können sie Vertrauen aufbauen. Wenn Vertrauen entsteht, verändern sich Entwicklungsperspektiven. Wenn Bindung entsteht, sind die Prognosen positiv.“
Vom Kind im Kinderdorf zur Fachkraft
Torsten Duschek, heute Erziehungsleiter im Albert-Schweitzer-Kinderdorf Alt Garge, hat selbst zehn Jahre lang als Kind in einer Kinderdorffamilie gelebt. „Meine Eltern waren Hauseltern in Alt Garge und ich bin als ihr leibliches Kind im Kinderdorf aufgewachsen. Ich habe über meine Kinderdorf-Brüder und Schwestern eine Idee davon bekommen, wie es sich anfühlen muss, nicht in der eigenen Familie bleiben zu können“, sagt er. Diese Erfahrung habe sein Leben
geprägt. „Das gesamte Umfeld hat Stabilität gegeben und das Vertrauen, den eigenen Weg gehen zu können.“ Heute begleitet er Kinder in ähnlichen Situationen. „Wir sehen immer wieder: Wenn Kinder verlässliche Beziehungen erleben, entwickeln sie sich. Dann entstehen Perspektiven, die vorher nicht möglich waren.“ Viele junge Menschen schaffen es, ihren Weg zu gehen. Sie machen Ausbildungen, gehen arbeiten, gründen eigene Familien. „Das zeigt,
was möglich ist, wenn Kinder die richtigen Rahmenbedingungen bekommen. Wenn Kinder ein selbstbestimmtes Leben führen – das ist der Erfolg, der uns täglich antreibt“, konstatiert Duschek.
Gleichzeitig leidet das System unter Unterfinanzierung und Fachkräftemangel. „Einige Träger sind gezwungen, Schichtdienstgruppen für 3- bis 6-Jährige zu eröffnen, weil sie keine passenden Fachkräfte finden, die sich bereit erklären, eine Kinderdorffamilie oder Erziehungsstelle zu eröffnen. Das zeigt eindrücklich, wie wichtig es ist, ausreichend qualifizierte, motivierte Menschen zu gewinnen, damit Kinder ein Zuhause finden, das ihnen dauerhaft und nicht als Zwischenlösung Stabilität und Geborgenheit bietet“, ergänzt Michael Tietze.
Familie ist mehr als Herkunft
Der Internationale Tag der Familie erinnert an die zentrale Bedeutung von Familie für das Aufwachsen von Kindern. Für die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke bedeutet das auch, den Blick zu erweitern. „Nicht jedes Kind wächst in einer funktionierenden Familie auf“, sagt Tietze. „Aber jedes Kind braucht Menschen, die für es da sind.“ Familie könne daher auch neu entstehen. „Entscheidend ist nicht, wo ein Kind herkommt – sondern ob es Beziehungen erlebt, die tragen.“
Über die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke
Seit 69 Jahren unterstützen die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke hilfsbedürftige Menschen in Deutschland. Der Bundesverband koordiniert zehn Mitgliedsvereine, die bundesweit rund 500 Einrichtungen betreiben. Mehr als 2.500 Mitarbeiter*innen sorgen täglich dafür, dass Kinder, Jugendliche und Familien ein sicheres, förderliches Umfeld erhalten.
1Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 451; 15. Dezember 2025
2F. A. S. D.; englisch: Fetal Alcohol Spectrum Disorders
3Deutsches Jugendinstitut (DJI), 2024, Kinder in Deutschland – KiD 0-3 2022
4Deutsches Jugendinstitut (DJI), 2024, AID:A 2023 Blitzlichter
5Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), 2024, 17. Kinder- und Jugendbericht