
Tragende Säulen der Veranstaltung waren die Organisatoren und Workshop-Coaches (von links): Yannick Tahn, stellvertretender Einrichtungsleiter, Martin Kupper, Vorstandsvorsitzender, Prof. Dr. Jana Zehle, Jana Petersen-Franke, Jessica Schuch, , Prof. i. R. Dr. Ulrike Mattke und Horst-Michael Stöckmann, Einrichtungsleiter des Albert-Schweitzer-Familienwerks e.V.
„Selbstbestimmung und Teilhabe müssen gelebte Realität werden“
Hermannsburg: Mit einem hochkarätig besetzten Fachtag unter dem Titel „Selbstbestimmung & Teilhabe“ hat die Behinderten- und Jugendhilfe Hermannsburg des Albert-Schweitzer-Familienwerk e. V. ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert — nicht mit einem Blick zurück auf die eigene Geschichte, sondern mit einem klaren Fokus auf die Zukunft von Inklusion, Teilhabe und Selbstbestimmung.
Voll besetzte Reihen
Rund 135 Fachkräfte aus Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Bildung und Sozialarbeit kamen im Evangelischen Bildungszentrum Hermannsburg zusammen, um aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven inklusiver Hilfen zu diskutieren. Namhafte Referentinnen aus Wissenschaft, Politik und Praxis sorgten für fachliche Impulse auf hohem Niveau. Das Albert-Schweitzer-Familienwerk gestaltete einen Ort für den intensiven Austausch und für Begegnungen.
Teilhabe und Selbstbestimmung müssen spürbar werden
Bereits in seiner Begrüßung machte Vorstand Martin Kupper deutlich, worum es dem Familienwerk an diesem Tag ging: „40 Jahre Behinderten- und Jugendhilfe sind für uns kein Anlass, uns selbst zu feiern. Viel wichtiger ist die Frage, wie wir die Lebensbedingungen der Menschen, die uns anvertraut sind, weiter verbessern können. Teilhabe und Selbstbestimmung dürfen keine Schlagworte bleiben — sie müssen im Alltag spürbar werden.“ Er dankte den Mitarbeitenden und auch den beiden verdienten ehemaligen Einrichtungsleitungen Bernd Eschment und Susanne von Zimmermann. Mit großem Interesse verfolgten die Gäste die Premiere des neuen Imagefilms mit authentischen Einblicken in die tägliche Arbeit der Einrichtung.
Klare Haltung zum Einstieg
Zum Einstieg in den Fachtag formulierte Einrichtungsleiter Horst-Michael Stöckmann die Haltung des Familienwerks: „Mit der UN-Behindertenrechtskonvention, dem Bundesteilhabegesetz und der Weiterentwicklung hin zu einem inklusiven SGB VIII ist der Auftrag klar: Unterstützung, Schutz, Selbstbestimmung und Teilhabe sind individuelle Rechtsansprüche. Junge und erwachsene Menschen mit Unterstützungsbedarf haben ein Recht darauf, gesehen, beteiligt, begleitet und in ihren Entwicklungs- und Teilhabemöglichkeiten gestärkt zu werden. Gleichzeitig erleben wir zunehmenden Druck auf Systeme und Ressourcen. Umso wichtiger bleibt es, wirtschaftliche Verantwortung und fachlichen Anspruch zusammenzudenken – mit dem Ziel, individuelle Bedarfe ernst zu nehmen und Teilhabe wirksam zu ermöglichen.“

Wertschätzung in den Kommunen
In ihren Grußworten würdigten die Sozialdezernentin des Landkreises Celle, Dr. Wiebke Wietschel, sowie die Bürgermeisterin der Gemeinde Südheide, Katharina Ebeling, das langjährige und integrative Engagement der Einrichtung. Das Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V. sei aus der Region nicht mehr wegzudenken und leiste einen wichtigen Beitrag für das gesellschaftliche Miteinander.
Hochkarätige Gäste
Einen eindrucksvollen Auftakt setzte die Niedersächsische Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Annetraud Grote. In ihrem Vortrag über 17 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention sprach sie über Fortschritte, bestehende Barrieren und die gesellschaftliche Verantwortung, Inklusion konsequent weiterzuentwickeln. Ihre Bilanz: Einige Fortschritte sind sichtbar. Die Teilhabe an sich bleibt lückenhaft. Die Kürzungsdebatten alarmieren und es werden von der KBB (Konferenz der Beauftragten von Bund und Ländern für Menschen mit Behinderungen) ganz klare Grenzen gesetzt. Viele Einschnitte, die in einem internen Papier der Bundesregierung auftauchen und dem Paritätischen vorliegt, sind mit der UN-Behindertenrechtskonvention nicht vereinbar.
Anmerkung der Redaktion: „Zitat KBB: Kürzungsvorschläge bedrohen selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen.“

Anschließend beleuchtete Prof. Dr. Jana Zehle von der Hochschule Hannover die Herausforderungen einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe zwischen fachlichem Anspruch und politischen Rahmenbedingungen. Ihr Vortrag verband wissenschaftliche Perspektiven mit konkreten Beispielen aus der Praxis und stieß bei den Teilnehmenden auf große Resonanz.

Sie gestalteten einen spannenden Fachtag in Hermannsburg. (von links) Horst-Michael Stöckmann (Einrichtungsleiter Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V.), Annetraud Grote (Niedersächsische Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen), Prof. Jana Zehle (Studiendekanin Heilpädagogik – Inklusive Bildung und Begleitung an der Hochschule Hannover) und Yannick Tahn, stellvertretender Einrichtungsleiter.
In fünf Workshops wurden die Themen anschließend praxisnah vertieft. Diskutiert wurden unter anderem Kinderrechte und Selbstbestimmung, Traumapädagogik, Verwirklichungschancen von Menschen mit Behinderungen, selbstbestimmte Elternschaft sowie die konkrete Weiterentwicklung inklusiver Hilfen vor Ort. Durch die Workshops
Teilhabe ist wirklich möglich
Einrichtungsleiter Horst-Michael Stöckmann zeigte sich am Ende der Veranstaltung bewegt von der Atmosphäre des Tages: „Es war beeindruckend zu erleben, mit welcher Offenheit, Fachlichkeit und Haltung hier diskutiert wurde. Dieser Fachtag hat deutlich gemacht, wie viele engagierte Menschen daran arbeiten, Teilhabe wirklich möglich zu machen.“
Ausstellung über den Namensgeber
Die Veranstaltung wurde bereichert durch eine Albert-Schweitzer-Ausstellung, die vom Albert-Schweitzer-Zentrum in Offenbach zur Verfügung gestellt wurde.
Positive Rückmeldungen
Auch die Teilnehmenden zogen ein positives Fazit: „Die Mischung aus wissenschaftlichem Input und konkreter Praxis war außergewöhnlich gut“, sagte eine Teilnehmerin aus der Jugendhilfe. „Man hat viele neue Ideen mitgenommen und gleichzeitig gespürt, dass alle vor ähnlichen Herausforderungen stehen.“ Ein Teilnehmer aus der Eingliederungshilfe ergänzte: „Besonders wertvoll war der ehrliche Austausch auf Augenhöhe. Hier ging es nicht um perfekte Konzepte, sondern darum, wie Teilhabe im Alltag tatsächlich gelingen kann.“
Neben den fachlichen Inhalten sorgten die authentisch gestalteten Rahmenbedingungen für eine angenehme Atmosphäre. Barrierefreie Räume, professionell und liebevoll vorbereitete Begegnungsorte unterstrichen den Anspruch der Veranstaltung, Teilhabe nicht nur zu thematisieren, sondern praktisch zu leben.
Danke!
Das Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V. in Hermannsburg blickt auch nach 40 Jahren nicht nur auf Erreichtes zurück, sondern richtet den Blick entschlossen nach vorn — mit dem Ziel, Menschen mit Behinderungen sowie Kinder, Jugendliche und Familien in ihrer Selbstbestimmung zu stärken und gesellschaftliche Teilhabe aktiv mitzugestalten. Ein großes Dankeschön ging an alle Organisatoren und Mitwirkende sowie an die gesamten Belegschaften des Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V. für den unermüdlichen Einsatz für Menschen, die mit teilweise schweren Einschränkungen leben müssen.

Hintergrund: Die Workshops
- Workshop 1 – Ich entscheide selbst, ob ich meine Jacke anziehe!
Kinderrechte und Selbstbestimmung in der Arbeit mit Kindern mit Behinderungen mit Jessica Schuch (Expertin für Prozessbegleitung, Supervisorin, Coach und Autorin) - Workshop 2 – Pädagogische Stabilisierung traumatisierter Menschen mit (geistigen) Behinderungen mit Professorin i. R. Dr. Ulrike Mattke (Expertin für Aus- und Fortbildung‚ Beratung und Supervision)
- Workshop 3 – Teilhabe unter erschwerten Bedingungen
Behinderung als Mangel an Verwirklichungschancen mit Prof. Dr. Jana Zehle (Hochschule Hannover, Fakultät V, Heilpädagogik und Inklusion) - Workshop 4 – Selbstbestimmte Elternschaft im Spannungsfeld der Hilfesysteme
Klarheit für die Praxis der Jugend- und Behindertenhilfe mit Jana Petersen-Franke (M.A. Sozialmanagement, Peer Counselorin, CASCO-Referentin) - Workshop 5 – Teilhabe konkret – inklusive Jugendhilfe gemeinsam gestalten
Praxiswerkstatt zur gemeinsamen Weiterentwicklung inklusiver Hilfen vor Ort begleitet von Horst-Michael Stöckmann (Einrichtungsleiter Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V.)